Januar 2026


Fund des Monats - Astragal

Astragale bezeichnen auf Altgriechisch kleine Sprungbein-Knochen. Bei Huftieren verbindet er das Schien- mit dem Wadenbein. In der römischen Antike wurden diese Knochen von Schafen, Ziegen und Kälbern als Würfel verwendet.

Es gibt vier mögliche obenliegende Seiten, wenn man einen Astragal wirft, die alle unterschiedlich aussehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Astragal auf einer Seite landet, ist – im Gegensatz zum regelmäßigen, sechseckigen Würfel – auf jeder Seite unterschiedlich. Da sich einzelne Tiere anatomisch stets leicht voneinander unterscheiden, glich auch kein Astragal im Würfelergebnis exakt einem anderen.

Laut der antiken Überlieferung aus Schriftzeugnissen gab es wohl Hausregeln. Man war sich offenbar nicht immer darüber einig, welche Zahlenwerte die Astragalseiten haben. Bei mit Nummern versehenen Würfeln war das einfacher.


Fiktive Kurzgeschichte - Das Orakel von Ruffenhofen

„Komm, lass uns mal das Astragalorakel ausprobieren“, sagte Gaius. „Och nee“, erwiderte Lucius, der wenig von derartigen magischen Dingen hielt.

„Na komm, du wirst sehen, es ist spannend, sich etwas über seine Zukunft vorhersagen zu lassen.“

„Na gut“, antwortete Lucius widerwillig und ließ sich zu dem Phryger, mit seinem Stand am Rand des Marktes schleifen. Der Mann mit der seltsamen Zipfelmütze nannte sich Midas. Sicher nicht sein richtiger Name; so hieß schließlich der bekannteste König seines kleinasiatischen Volkes.

„So, die Herren möchten also etwas über ihre Zukunft erfahren?“ Mit diesen Worten wurden sie von Midas empfangen.

„Hmpf“ war alles, was Lucius über die Lippen brachte. Gaius legte dem Scharlatan eine Münze auf den Tisch.

„Dann bitte mit diesen fünf Astragalen würfeln.“ Midas drückte Lucius die entsprechenden Knöchelchen in die Hand.

„Na gut“, sagte Lucius. Schon wieder sagte er nur „Na gut“. Er musste sich angewöhnen, standhafter zu sein und sich nicht dauernd zu so unsinnigem Zeug überreden zu lassen. Aber was sollte es. Dann würfelte er eben.

„Ah, ein spannendes Ergebnis, die 15. Das ergibt einen schönen Orakelspruch“, meinte Midas.

„Aha“, erwiderte Lucius mit deutlicher Skepsis.

Unbeirrt fuhr Midas fort: „Zögere nicht: Was du suchst, liegt nahe. Doch handle mit Maß, denn Eile bringt Verlust. Ein Freund wird dir nützen, ein Fremder dich prüfen.“

„Aha“, sagte Lucius erneut. „Na, das ist doch eine schöne Vorhersage und ein guter Rat für’s Leben“, meinte Gaius.

„Wenn’s denn stimmt“, entgegnete Lucius und ging gedankenverloren weiter.